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01.03.2016

Reden ohne Worte - mit nicht-sprechenden Menschen kommunizieren

Beim Fachtag „Unterstützte Kommunikation“ der Diakonie Neuendettelsau am 19. Januar 2016 entdeckten die Teilnehmer neue, non-verbale Kommunikationswege. Der konkrete Titel lautete „Unterstützte Kommunikation: Kommunikation im Handeln gemeinsam entdecken – wie verstehen wir uns, auch wenn wir unterschiedliche ‚Sprachen‘ haben?“


Ein Teilnehmer der Fachtagung über unterstütze Kommunikation richtet ein behindertenfreundliches Bedienelement ein, mit dem es nicht-sprechenden Menschen möglich wird, sich mittzuteilen. Sarah Klug berichtet auf der Fachtagung „Unterstützte Kommunikation“ von ihren Erfahrungen mit „Intensive Interaction“.

Julian ist sauer, „Ahh“ schreit er und schubst seine Lehrerin Sarah Klug. Julian hat Autismus, spricht nur wenige Worte, die nicht immer gut zu verstehen sind, gibt unterschiedliche Laute von sich und kann sich nur für kurze Zeit konzentrieren. Er versteht das Gesprochene Anderer und zeigt selbstverletzendes und leicht aggressives Verhalten. Ganz anders ein Jahr danach: Er ist interessiert, schubst nicht sondern umarmt.

„Man kann nicht nicht kommunizieren“, meint Dominic Bader von der Direktion Dienste für Menschen mit Behinderung der Diakonie Neuendettelsau zu Beginn. Dieses erste Axiom von Paul Watzlawick  ist sehr passend für die Fachtagung. Denn nur, weil Menschen nicht sprechen können, heißt es nicht, dass sie sich nicht mitteilen möchten. Das Problem besteht eher darin, dass sie nicht verstanden werden. Daher beschäftigen sich die rund 100 Teilnehmer mit der Frage, wie können wir nicht-sprechende Menschen so unterstützen, dass Kommunikation möglich wird. 

Marjan Veen und Elise Brinkmann, die beiden Gastdozentinnen aus Wijk aan Zee in den Niederlanden, befassen sich seit vielen Jahren mit der kommunikativen Entwicklung von nicht-sprechenden Kindern und ihren Kommunikationspartnern (COCP). Dabei geht es darum, jedes Kind individuell anzusehen und nach Möglichkeiten zur Kommunikation zu suchen. So lernte ein Kind, einen Computer mittels der Augen zu steuern. In dem eigens angepassten Programm kann sie Bilder auswählen und der PC redet für sie. So kann das Mädchen mitteilen, wenn es auf die Toilette möchte oder Hunger oder Durst hat. Andere Kinder deuten einfach auf Bilder und erzählen damit Geschichten, oder beantworten Fragen des alltäglichen Lebens. Oder es werden Geräte mit verschiedenen Geräuschen ausgestattet, die die Kinder selbstständig abrufen können. Meist hilft es den Kindern schon, wenn sie nur die Möglichkeit erhalten, auf sich aufmerksam zu machen. Denn häufig sei es ein großes Problem, dass Eltern nicht wirklich mit einer Reaktion auf ihr Gesprochenes rechnen und den Kindern somit nicht genügend Zeit zum Reagieren geben. Mindestens 10 Sekunden werden im Konzept „Intensive Interaction“ dafür empfohlen, denn Kinder und geistig behinderte Menschen benötigen länger um Informationen zu verarbeiten und zu reagieren.

Julian hat das Prinzip „Intensive Interaction“, einem von vielen Ansätzen zur Kommunikationsanbahnung, sehr geholfen. Hier geht es darum, dass sich die „Gesprächspartner“ auf die Kommunikationswege des Gegenübers anpassen. Das heißt, Gestik, Mimik und Laute des Anderen zu verwenden, aufzugreifen oder einzusteigen. Spielerisch wird so Nähe und Vertrauen aufgebaut. Der Gesprächspartner fühlt sich verstanden und wertgeschätzt, dadurch entsteht eine angenehme Atmosphäre in der er lernen kann. Julian eignete sich, nach einiger Annäherung, Alternativen zum Schubsen oder Schlagen an. Sarah Klug berichtet in ihrem Vortrag unter Anderem davon, wie es gelingen konnte durch die nachhaltige Beschäftigung mit diesem Konzept einen so guten Draht zu ihm aufbauen, dass sie ihm zeigen konnte, andere Wege der Kommunikation zu nutzen und auszubauen, die ihm einen Austausch mit anderen Mitmenschen ermöglichen kann und Barrieren abbaut. Vor einem Jahr hat ihn jede Planänderung wütend gemacht, nun geht er auch spontan und ruhig auf neue Situationen zu.